Nachtschein

Es ist Nacht.

Es ist Nacht. Zögerlich tritt sie hinter den Vorhang. Der Raum dahinter ist völlig schwarz. Sie erkennt nicht, wie gross er ist. Ein Stück vor ihr, ungefähr in Höhe ihres Bauches, dreht sich etwas und sendet einen kreisenden, bläulichweißen, schwachen Lichtstrahl in den Raum. In dem Moment, in dem das Licht sie trifft, ist sie für einen Augenblick geblendet.

 

Genau ihr gegenüber fällt der Lichtstrahl kurz auf eine Wand oder eine Tafel. Sie erkennt helle Rechtecke, kreuz und quer verteilt auf der Fläche. Quer über die Rechtecke ist etwas in großen Buchstaben geschrieben, wie mit einem Finger, der in dicke, triefende Flüssigkeit getaucht wurde. Der Lichtstrahl bewegt sich weiter aber die Buchstaben sind noch sichtbar. Sie erkennt Wörter, versucht sie zu lesen, der Lichtstrahl blendet sie erneut, dreht sich weiter, streift erneut die Buchstaben auf der Wand. Sie liest: Erstausgabe, Lösung, Bombe, Schreien, Geheimnisträger, Afrika, Eingangshalle, Sommer, Verzweiflung, Rotke   , bis der Lichtstrahl sie wieder trifft und blendet.

 

Sie ist nicht allein in dem Raum. Sie hört das Rascheln von Kleidung. Sie versucht, sich zu orientieren. Rechts von sich erkennt sie schemenhaft Gestalten - zwei, drei, vielleicht vier, stehend. Sie starren auf die Wörter. Sie glaubt, kurz ein Zischen oder ein Atmen zu hören. Links von ihr raschelt etwas wie Papier. Es bewegt sich etwas und eine zweite, bisher verdeckte Lichtquelle, knapp über dem Boden, wird sichtbar. Sie erkennt zwei kleine Gestalten, die am Boden knien. Im schwachen Schein der Lampe sieht sie die Schemen der beiden gebeugten Rücken, die Köpfe zusammengesteckt über einem hellen Rechteck, das auf dem Boden liegt. Sie hört die kleinen Gestalten am Boden flüstern.

 

"Spenden Sie mir auch ein Wort?"

 

Wie ein scharfes Messer zerschneidet die Frage die Stille des schwarzen Raumes. Sie kann nicht genau ausmachen, woher die Stimme kam. Sie glaubt, ungefähr aus der Nähe der kleinen Gestalten am Boden, aber die verharren gelegentlich flüsternd über dem Rechteck am Boden. Rechts von ihr ein Rascheln. Es ist warm und ein wenig stickig in dem Raum, kleine Schweißperlen treten auf ihre Oberlippe.

 

Der drehende Lichtstrahl streift über eine Gestalt, die links neben den Buchstaben an der Wand steht. Die Gestalt hat etwas in der Hand, das im Licht aufblitzt und im Dunkel nachleuchtet. Es scheint ein Glas mit der Flüssigkeit zu sein, mit der die Buchstaben geschrieben sind.

 

"Was für ein Wort?" fragt sie zurück und streift ihre verschwitzten Handflächen über ihre Jacke.

 

"Ich sammle Wörter für meine Installation und bitte jeden hier im Raum, mir ein Wort zu geben." antwortet die Gestalt aus dem Dunkel.

 

Welches Wort? Soll sie sich eines ausdenken? Ist das ein psychologischer Test? Die Gedanken rasen durch ihren Kopf. Ihr fällt nichts ein. Was soll sie sagen? Kann sie auch ohne ein Wort wieder gehen?

 

"Ich hab eins!" ruft eine der kleinen Gestalten neben ihr und springt auf. Es ist eine Kinderstimme. "Vorstandssitzung" sagt das Kind und reicht der Gestalt im Dunkel das helle Rechteck, über das es sich vorher auf dem Boden gebeugt hatte. "Kann ich auch eins?" fragt das andere, kleinere Kind zaghaft. "Natürlich" sagt die Gestalt aus dem Dunkel und reicht dem Kind einen dickeren rechteckigen Gegenstand mit hellen Kanten. Dann ein Rascheln wie vom Blättern eines Buches. "Ratsch" hört sie noch, bevor die Gestalt aus dem Dunkeln auf sie zukommt, den rechteckigen Gegenstand wieder in der Hand haltend.

 

"Keine Angst" sagt die Gestalt, "Sie brauchen sich kein Wort auszudenken. Sie reissen aus diesem Buch eine beliebige Seite, suchen sich unter der Taschenlampe ein Wort auf dieser Seite, das Ihnen gefällt, und nennen mir dieses Wort. Ich klebe die Seite auf die Tafel und schreibe Ihr Wort quer darüber."

 

Sie soll ein Buch zerreissen? Das tut man doch nicht! Sie zögert und blättert durch das Buch. Sie sieht, dass schon etliche Seiten herausgerissen wurden.

 

"Welchen Sinn hat das eigentlich, was Sie da tun?" hört sie eine Stimme, die von den Personen rechts von ihr kommt.

 

"Keinen" antwortet die Gestalt im Dunkeln. "Es ist eine interaktive Kunstinstallation mit Ihnen. Ich tagge zufällig zusammengestellte Buchseiten mit den Wörtern, die Sie mir dazu geben. Die "tags" sind jeweils Ihr individuell ausgewähltes wichtigstes Wort auf der Seite. Wenn Sie die Buchseiten im Licht sehen, können Sie die ganze Seite lesen. Geht das Licht aus, können Sie noch eine Weile das "tag" lesen."

 

Sie reisst eine Seite aus dem Buch, kniet sich zu den Kindern auf den Boden, überfliegt die Seite im Schein der Taschenlampe und nennt der Gestalt im Dunkeln das Wort darauf, das ihr am Besten gefällt. Die Gestalt klebt ihre Seite auf die Tafel und sie sieht, wie sich der Arm darüber bewegt. Während die Gestalt ihr Wort schreibt, streift der drehende Lichtstrahl mehrfach darüber, so dass ihr Wort nach und nach immer stärker aus dem Dunkel leuchtet: "Spiel".

 

Langsam tritt sie hinter dem Vorhang hervor. Ihre Augen gewöhnen sich zögerlich an das schummerige, bläuliche Licht im Atelier.

 

Es ist Nacht.

 

Nicht irgendeine Nacht.

 

Es ist die Solinger Lichternacht.

 

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